VG News vom 20.03.2011    |    Herausgeber: www.virtual-galopp.de    |    Redaktion: Ariane, Bird, Cinna, Erdbeere, luci, Ricarda, Willow

Dies und Das

Redaktion
Die Katastrophe in Japan

Auch am VG-News-Team sind die tragischen Ereignisse in Japan nicht spurlos vorüber gegangen. Auch bei uns haben sich die Bilder der Katastrophe ins Gehirn gebrannt und auch während der Zeitungsarbeit nicht losgelassen.

Gleichzeitig kam die Frage auf: Wie damit umgehen?
Können wir uns einfach davon losmachen und eine spaßige Zeitung zusammenbasteln und alles, was in der realen Welt gerade vor sich geht, vergessen machen?
Die Bilder ausblenden und so tun, als wäre nichts gewesen und als wüssten wir nicht, dass weit weg von uns die Welt dabei ist, komplett aus den Fugen zu geraten? Und gleichzeitig - auch für uns - alles in Frage gestellt wird, was eben noch wichtig erschien.
Oder ist es im Gegenteil unangemessen, in der VG-News, einer kleinen Spielezeitung, überhaupt - in irgendeiner Weise - auf dieses Thema einzugehen?
Wirkt nicht alles, was wir sagen, schal, wohlfeil und fehl am Platze? Was soll es nützen, das Thema Japan auch in die Idylle von VGtanien zu tragen? Neue Informationen, Augenzeugenberichte oder auch nur einen Informationsauftrag haben wir nicht. Haben wir überhaupt darüber etwas zu sagen oder hilft hier nur Schweigen?
Ehrlich gesagt wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was in solchen Situationen angemessen oder unangemessen ist, jede Entscheidung scheint falsch.
Entstanden sind schließlich zwei persönliche Berichte von Autoren, die die Leser an ihren Gedanken teilhaben lassen.
Wer sich über die Ereignisse in Japan oder Strahlungsrisiken informieren möchte oder auch überlegt, zu spenden, ist woanders besser aufgehoben.

Daher haben wir eine kurze Linkliste zusammengestellt, wenn ihr weitere Informationen sucht:
Die Zeit
n-TV
Gefahren für die Gesundheit
Gefahren für Deutschland
DRK- Spendenhilfe für Japan

Das gesamte Team der VG-News ist in Gedanken bei den Menschen in Japan.
18.03.2011
Ariane
Die Sonne überm Fujijama

Als ich am 11. März ins Büro komme, ist noch alles wie immer. Dass es in Japan ein riesiges Erdbeben und einen Tsunami gab, erfahre ich erst, als die Internetverbindung sich automatisch mit SpiegelOnline aufbaut.
Um zu erfahren, was eigentlich genau passiert ist, schalte ich auf die Tagesschau-Nachrichten.
Obwohl gerade ein Korrespondent berichtet, kann ich nur geschockt auf diese Bilder der gigantischen Welle starren, die Autos wie Spielzeuge umherwirbelt. Unfassbar.
Ich horche erst auf, als der Tagesschau-Sprecher plötzlich ungläubig nachfragt: "Habe ich sie richtig verstanden, die Kühlung im Atomkraftwerk ist ausgefallen?"
Mir wird kalt. Ich hab nicht mal eine Ahnung, wie dort Strom hergestellt wird, aber ich weiß genug von Atomkraftwerken, dass die Kühlung auf keinen Fall versagen darf - und dass man nichts mehr tun kann, wenns richtig schlimm kommt.

Den ganzen Tag über lasse ich den Phönix-Stream weiterlaufen, für zig Staaten laufen noch Tsunami-Warnungen, in Japan scheint ein riesiger Teil der Küste einfach weggespült zu sein, hunderte Feuer sind ausgebrochen und im Hintergrund immer die bange Frage nach den Atomkraftwerken. Noch sieht es gar nicht so schlimm aus, ein Feuer in Onagawa konnte gelöscht werden, Alle betroffenen Werke wurden beim Erdbeben runtergefahren, Fukushima läuft im Batteriebetrieb, aber einige Stunden halten sie noch.
Ich bin ein bisschen beruhigt, AKWs haben bestimmt selbst bei so einer Katastrophe Vorrang und sicher sind schon neue Generatoren oder Batterien auf dem Weg. Und "sowas" passiert doch nur im Film.

Doch dann am Abend werden die ersten Anwohner evakuiert, der Druck im Reaktor steigt und muss abgelassen werden, wodurch Radioaktivität entweicht. In den Medien wird von Kernschmelze gesprochen.
Die japanische Regierung meint zwar, dass keine Gefahr besteht, aber wer soll das glauben, wenn im Umkreis von 3km evakuiert wird und der atomare Notstand ausgerufen wird? Ich mag die Nachrichten nicht mehr alleine gucken. Obwohl ich weit weg im sicheren Wohnzimmer sitze, packt mich die Angst. Kaputte Atomreaktoren gehören zum schlimmsten, was ich mir vorstellen kann, nur knapp hinter Krieg. Trotzdem kann ich mir zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass es richtig schlimm wird. Immerhin heißt es doch, es fehlt nur an Batterien? Da muss man doch was hinfliegen können? Man muss doch was tun können?


Wikimedia/gemeinfrei


Am Samstag stehe ich früh auf, ein Familientreffen bei meiner Oma - die beste der Welt - steht an.
Noch im Bett schalte ich den Fernseher an und über die Bildschirme laufen die Bilder der Explosion des ersten Reaktors, der Evakuierungsradius wurde massiv ausgedehnt, erste Menschen sind verstrahlt. Und immer wieder die Bilder der Explosion. Unglaublich - wie das Ende der Welt, das man fassungslos aus dem warmen Bett betrachtet.
Am Frühstückstisch tauschen meine Eltern Erinnerungen an Tschernobyl aus, von verstrahlter Milch, Warnungen vor Fußballspielen (weil der Rasen kontaminiert war), von Sandkisten, die im ganzen Land ausgetauscht werden mussten, weil man radioaktive Partikel auf den Oberflächen vermutete. Ich war damals ein Jahr alt, es ist nicht ausgeschlossen, dass in meinem Körper Cäsium rumliegt. Wie lang hat es gedauert, bis sie wussten, dass die Milch problematisch war? Lieber nicht drüber nachdenken.

Wir machen uns auf den Weg zu meiner Oma, die Strecke von Achim nach Rendsburg entspricht ungefähr der von Fukushima nach Tokio, 220km. Das ist nicht viel, zwei Stunden Autofahrt. Wie lang brauchen Wolken?
35 Millionen Menschen in Tokio, die dichtbesiedelste Metropolregion auf der ganzen Welt.
Ich versuche mir vorzustellen, was mit Tokio im schlimmsten Fall passieren wird.
Es geht nicht.
Lieber nicht drüber nachdenken, es hilft nur Hoffnung.
Es gab weitere Explosionen, alle sechs Reaktorblöcke scheinen in Gefahr zu sein, auch die abgeschaltenen. Im Abklingbecken von Reaktor 4 bricht ein Brand aus. Die Radioaktivität steigt so dramatisch an, dass Tepco alle außer 50 Mitarbeiter vom Gelände abzieht. Wie sollen 50 Leute, von denen einige schon bei den Explosionen ums Leben kamen oder strahlenkrank sind, das schlimmste noch aufhalten können? Wieder dieses Filmszenario, in Hollywood würde Bruce Willis als Kopf der "tapferen 50" unter Aufbietung seiner letzten Kräfte die Katastrophe im letzten Moment verhindern, mit einer Schnur oder ähnlich improvisierten Mitteln.
Aber im echten Leben passiert sowas nicht, die Zeichen der Hilflosigkeit werden immer deutlicher. Auch die japanischen Behörden können nur raten, wegzulaufen oder drinnen zu bleiben und alles was Kontakt mit der Luft hatte, draußen zu lassen. Drumherum das unfassbare Ausmaß der Tsunamischäden, selbst Japan, mit der besten Katastrophenhilfe, gerät an den Rand seiner Möglichkeiten, zuviele Probleme, unfassbare Zerstörung, kaum Strom, Benzin, selbst Essen wird in einigen Notunterkünften knapp. Gefühlsmäßig bin ich längst nicht mehr in der Lage, das ganze aufzunehmen, es übersteigt das Vorstellbare. Und sobald man den Kanal wechselt, scheint alles idyllisch wie immer, während irgendwo anders die Welt untergeht. Wir hier in Europa können immerhin umschalten, wenn uns alles zuviel wird.

Als Cinna vor einer Weile aus ihrem Japan-Urlaub zurückkehrte, habe ich belustigt gefragt, ob sie Mila Superstar getroffen hat. Meine ersten Assoziationen sind die japanischen Zeichentrickserien aus meiner Kindheit, noch heute kann ich das Lied zu Mila, die lachen kann wie die Sonne überm Fujijama, auswendig. Jetzt wirkt es wie aus einem Paralleluniversum, aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Heute weiß niemand, wie die Lage in Japan sich entwickeln wird, mittlerweile ist zumindest hektische Betriebsamkeit ausgebrochen und der Firma Tepco wurde ein Teil der Katastrophenbewältigung entzogen. Wasserwerfer, Hubschrauber, Stromleitungen, vielleicht sogar noch Sand und Sarkophargbau, niemand weiß, ob es was hilft, aber es beruhigt, dass alles versucht wird von aufopferungswilligen Menschen, die Respekt abnötigen. Es bleibt nur die Hoffnung und das Daumen drücken, dass das Schlimmste verhindert werden kann und Japan nach all diesen Katastrophen einmal das Glück auf seiner Seite hat. Die Hoffnung, dass die Japaner wieder lachen können wie die Sonne überm Fujijama.
Nichts wünsche ich mir mehr.
20.03.2011
Cinna
Tausend Papierkraniche für Japan

Origami-Papierkraniche gelten in Japan als Zeichen für den Frieden. Es gibt eine Sage, die besagt, dass einem ein Wunsch erfüllt wird, wenn man 1000 Papierkraniche faltet. Sadako Sasaki war 2 als die Atombombe fiel und starb im Alter von 13 Jahren an Leukämie. Vor ihrem Tod faltete sie über 1000 Kraniche, in der Hoffnung dadurch gesund zu werden.
In Hiroshima gibt es überall Tausende von Papierkranichen, die als Zeichen der Hoffnung und als Wunsch für den Frieden gelten.
Am Freitag, 11. März, wurde ich morgens vom Postboten geweckt. Ziemlich verschlafen öffnete ich die Tür und nahm ein Paket aus Japan entgegen. Dieses Paket hatte ich mir selber geschickt.
Ich hatte es ziemlich genau zwei Monate früher in Hiroshima zusammen mit meinem jüngsten Bruder zur Post gebracht. Ich freute mich, und dachte während des Auspackens an unsere Zeit in Hiroshima zurück.


Papierkraniche als Hoffnungssymbol in Hiroshima


Doch meine Freude sollte nicht lange dauern. Kaum sass ich wieder am Computer, kam eine Meldung von meinem Bruder, der mir im Chat einen Link geschickt hatte. In diesem Link befanden sich die ersten Bilder des Erdbebens in Japan. Ich machte mir eine Menge Gedanken, ich fragte mich, wieso das Paket ausgerechnet an dem Tag angekommen war, ich sorgte mich um die Freunde meines Bruders in Sendai und ich fragte mich natürlich, wie er sich jetzt wohl fühlte. Immerhin hatte er ein halbes Jahr in Sendai gelebt und war erst seit 2 Monaten wieder in der Schweiz. Bis heute hat er erst von zwei seiner Freunde in Sendai gehört, dass sie am Leben sind. Von allen anderen kam bisher noch kein Lebenszeichen.



Denkmal für die Opfer der Atombombe, Hiroshima
Mit der Zeit schwenkte die Aufmerksamkeit der Presse dann immer mehr vom Erdbeben und dem Tsunami zum Thema eines möglichen GAU, zu atomarer Verseuchung. Je präsenter dieses Thema wurde, desto mehr kreisten meine Gedanken auch wieder um Hiroshima. Selten hat mich eine Stadt so sehr berührt, als ich aus dem Friedensmuseum in Hiroshima kam, war ich wie betäubt und träumte nächtelang davon.



Modell von Hiroshima nach der Explosion der Atombombe


Im ersten Moment war ich leicht irritiert, wieso man ein Museum zum Atombombenabwurf Friedensmuseum nennt. Jedoch passt der Name wirklich, denn nicht nur das Museum, sondern die ganze Stadt Hiroshima, allen voran ihr Bürgermeister, haben sich seither dem Kampf gegen atomare Waffen verschrieben.
Die Bürgermeister von Hiroshima haben seit dem zweiten Weltkrieg über 600 Bittgesuche geschrieben. Jedesmal wenn irgendwo auf der Welt Atomtests durchgeführt wurden, wurde das entsprechende Land angeschrieben und um Einstellung gebeten. Doch obwohl Japan sich seit dem zweiten Weltkrieg verpflichtet hat, nie Atomwaffen zu nutzen, so wurde doch auf Atomenergie gesetzt für die Stromgewinnung.


Gembaku Dom - Atombombenkuppel, Hiroshima


Irgendwie ist es ja kaum auszumalen, dass ausgerechnet das Volk, das bisher als einziges mit Atombomben bombardiert wurde und dadurch bereits am eigenen Leibe erfahren musste, was atomare Verstrahlung für Menschen bedeutet, nun kurz davor steht, diesen Alptraum von Neuem zu durchleben. Im Friedensmuseum gibt es Beweise aller Art, von medizinischen Berichten, Fotografien, Augenzeugenberichten bis hin zu Kleidungsstücken, verbogenem Eisen, zu Klumpen geschmolzenen Dachziegeln und Flaschen.
Das folgende Zitat stammt von Yoshito Matsushige, der die Atombombe überlebte und fünf Fotos nach der Explosion machte:
"Ich hatte 30 Minuten mit mir gekämpft, bevor ich das erste Foto schiessen konnte. Nachdem ich das erste Foto gemacht hatte, wurde ich seltsam ruhig und wollte näher gehen. Ich ging ungefähr zehn Schritte vorwärts und versuchte ein weiteres Foto zu machen, aber die Szenen die ich sah waren so grauenhaft, dass der Sucher durch die Tränen beschlug."

Die Atombombe fiel vor über 50 Jahren, doch ihre Auswirkungen sieht man in Hiroshima noch heute. Man sieht die Spuren an Gebäuden, an Bäumen und an krebskranken Menschen, auch wenn die meisten Menschen, die der Strahlung direkt ausgesetzt waren schon längst an der Strahlenkrankheit, an Leukämie oder Krebs gestorben sind. Doch ihre Berichte und Eindrücke bleiben im Friedensmuseum lebendig und zeugen von unvorstellbarem Grauen, von Menschen, denen bei lebendigem Leibe das Fleisch von den Knochen fällt, Menschen, deren Körper sich quasi auflösen. Und selbst wer nicht der Strahlenkrankheit starb, erlag in den folgenden Jahren dann meistens schweren Krebserkrankungen.


Satoshi Yoshimoto, 11 "Etwas Schleimiges, wie eine Mischung aus Regen und Öl klebte an meinem Körper. Der Himmel war bedeckt mit dunkeln Wolken. Das verlieh dem Anblick der fliehenden Menschen eine gruslige Beklemmung."

Ich denke selbst mit den Berichten im Friedensmuseum kann sich keiner auch nur annähernd vorstellen, wie schrecklich so eine Katastrophe sein muss. Selbst für uns scheint es unvorstellbar und angsteinflössend, wenn man an atomare Verstrahlung denkt. Wieviel schlimmer muss es für eine Nation sein, die bereits seit über 50 Jahren mit den Folgen atomarer Verseuchung lebt und sie ständig vor Augen sieht?

Ich bete für die Menschen in Japan, dass es sie nicht noch schlimmer trifft, dass sie diesen unvorstellbaren Alptraum nich noch einmal durchleben müssen. Mögen die Kraniche Japan diesmal beschützen.


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