VG News vom 13.08.2022    |    Herausgeber: www.virtual-galopp.de    |    Redaktion: Conny

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Gespräche ins blaue
Conny
Gespräche ins Blaue

Mit der Serie "Gespräche ins Blaue" wollte ich vor Jahren - als die Zeitung noch viele Leser hatte - eine Anregung für alle die gern schreiben anbieten, mit der mal etwas beschrieben werden sollte, das uns immer wieder begegnet - das Missverständnis, das falsch verstandene Wort. Man ruft Huhu - und der so Angerufene fragt: Warum nennst du mich den UHU.
Aber es blieb bei dem Plan, denn die Gegenwart ist eine andere geworden. Man spricht immer weniger miteinander, man appt dafür immer mehr. Aber gut, auch da kann es zu Missverständnissen kommen. Vielleicht will ja mal jemand darüber etwas berichten? Gern würde ich es in die Zeitung aufnehmen, ganz so schlimm ist ja "lesen" auch nicht...!

»Weihnachten, das Fest der Liebe. Abgedroschener Vers, findest du nicht?«

»Was meinst du mit abgedroschen?«

»Naja, abgedroschen eben, benutzt, übervoll in der Kaffeekanne der Gefühle.«

»Dreschen ist etwas für den Sommer. Bauern dreschen. Getreide. Was hat das denn mit Weihnachten zu tun?«

»Man, das heißt doch nur so, hat doch nichts mit Weihnachten zu tun, hab ich doch nur mal so gesagt.«

»Verstehe ich trotzdem nicht. Verse wachsen nicht auf Feldern, können also nicht gedroschen werden. Überhaupt, was für ein Blödsinn, ein Vers der gedroschen wird. Da hat ein Bauer ein Versfeld und läuft da gemütlich rüber und haut ab und zu mal einem Vers mit dem Dreschprügel über den Schädel…«

»Spinnst du jetzt total? Hab ich was von Bauern und Versfeldern erzählt?«

»Nein aber von Weihnachten und Ernteeinsätzen. Abdreschen gehört ja wohl zur Ernte. Und du hast von einem Vers gesprochen, der gedroschen wurde. So war es doch!«

»Nein so war es nicht! So war es zwar schon, aber so war es doch nicht gemeint. Kapierst du nicht, dass hier etwas symbolisch gemeint ist, also ein Wort stellvertretend für ein anderes die Rolle übernimmt?«

»Was wird das denn jetzt… Rollen übernehmen, symbolisch, Ernten zu Weihnachten… bist du nicht ganz nüchtern? Was kann man denn Weihnachten ernten, höchstens Tannenbäume und die werden nicht gedroschen. Rollen übernehmen, das machen Schauspieler und Maler, wenn sie Tapetenrollen von den Lieferanten übernehmen.«

»Wo driftest du denn jetzt hin? Du versuchst mir hier die Worte im Munde umzudrehen, was soll denn das überhaupt?«

»Die WAS umdrehen? Worte? Im Munde? Bin ich Hals-Nasen-Ohren-Arzt? Selbst der kann kein Wort umdrehen, noch dazu im Mund. Du redest Müll, ganz einfach.«

»Aha. Müll also. Ich rede Müll. Ist ja interessant. Und wie spannend. Ich kann also Müll reden. Wie einfach in der Zukunft. Ich kann ja nun meinen Mülleimer vergessen, brauche ich nicht mehr zu leeren, ich gehe einfach zur Mülltonne und spreche hinein. Klasse. Was ich da an Kraft und Zeit spare.«

»Halllloo – wach mal auf. So ja nun auch nicht. Ich habe gesagt du redest Müll, nicht du produzierst Müll. Den Eimer wirst du schon noch brauchen.«

»Nanu, wie geht denn das? Ich produziere keinen Müll? Wie wird denn aber der Eimer immer so schnell voll? Ahhh, ich weiß, ich spreche zu viel da hinein, das meinst du doch, oder?«

»Hey, Kollege, nun krieg dich mal wieder ein, du kommst hier mit deiner Weihnachtsdrescherei daher und wunderst dich nun, wenn ich dir meine Wortmüllfabrik anbiete. Da steht es doch jetzt eins zu eins. Unentschieden.«

»Ach ja, wir sind ja im Wettstreit. Wortwechsel heißt der und soll ja Sonntag manchmal in der Zeitung erscheinen. Hab ich ganz vergessen. Also, ich finde, eigentlich hast du ja Recht, mit deiner Wortmülltheorie. Ich finde du hast eigentlich gewonnen. Ja. Der Sieger bist du!«




»Nein, das kann ich nicht annehmen. Das wäre nicht gerecht. Die Geschichte mit dem abgedroschenen Vers ist deshalb besser, weil Müll eben Müll ist und Müll nach dem Essen kommt, das Dreschen aber vorher. Deshalb hast du gewonnen, gratuliere dir.«

»Wer bestimmt denn eigentlich die Regeln hier? Hast du hier allein das Sagen? Wieso kannst du jetzt einfach sagen, dass ich der Sieger bin? Wer gibt dir dazu denn das Recht? Obwohl, eigentlich stimmt das ja schon… wenn ich das mal genau überlege…, ja, diesmal hast du Recht.«

»HAAALLLOOHH! Schon mal was von Bescheidenheit gehört? Man nimmt so etwas nicht einfach an. Meinst du ich habe das gesagt, weil ich das so meine? Höflichkeit, mein Lieber, Höflichkeit hat mir hier die Zunge gelenkt.«

»Mann, das ist ja toll. Du kannst Deine Zunge lenken? Du bist Zungator? Hast du dafür eine Lenkhilfe? Sowas wie eine Brille für die Zunge oder eine Krücke für den am Bein oder Fuß verletzten?«

»Du solltest dich im Zügeln deiner Worte üben. Auch deinen Verstand könntest du bisweilen in Gebrauch nehmen. Sieh einfach zu mir, wie ich das mache und versuche dann, es mir gleich zu tun. Betrachte mich doch als deine geistige Lokomotive, wenn Du verstehst, was ich damit meine…«

»Aber klar Lokki oder soll ich lieber ICE zu dir sagen? Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Kohlenwagen. Freunde nennen mich auch Tender oder Mitropa, Ich hatte mal eine Freundin, die nannte mich Schlafkabine, aber das gehört wohl nicht hier her.«

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Nun, ihr werdet euch denken, dass die beiden noch eine Weile zu tun haben, wenn sie überhaupt jemals ans Ziel kommen. Was wäre denn das Ziel überhaupt? Dass sie sich in die Arme fallen und dann schweigen? Dass einer von beiden aufgibt?
Nein, das Ziel ist sicher, dass sie sich beide durch die Absurditäten der Sprache graben, gleichsam wie Maulwürfe der Worte und Begriffe. Und dass sie uns einen Einblick geben, mithören, mitlesen lassen, denn wenn das Lesen nur halb so viel Spaß macht wie das Schreiben, dann hat jeder Leser wenigstens einmal gegrinst. Und das wäre dann bereits ein Erfolg …



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